Weihnachtsgeschichte - Bestbook Verlag

Title
Direkt zum Seiteninhalt
Lesenswert
Lesenswert !

Familie H feiert Weihnachten !

Lange, ach was sage ich, Wochen im Voraus begannen jeweils die Vorbereitungen für das Fest der Feste. Ich spreche nicht vom Endspurt im Advent. Nein, unser Weihnachtsfest startete in jenem Jahr früh und zwar mit dem ersten Kälteeinbruch Ende Oktober.
Mama stieg aufs Tabourettli und reichte mir die Winterpullis die im obersten Fach des Wandschranks lagen, als ihre Hand an etwas Hartes stiess.
"Was ist denn hier oben noch alles versteckt", murrte sie und lutschte am Finger um den Schmerz zu stillen. Sie versuchte, den Gegenstand aus der Ecke zu angeln, aber es ging nicht, auch wenn sie sich noch so sehr auf die Zehenspitzen stellte.
"Mach du das, du bist grösser!" , befahl sie und stieg vom Hocker. Mit Leichtigkeit konnte ich das Unding greifen und wir staunten nicht schlecht. Zum Vorschein kam die Dose mit den Chräbeli die letzte Weihnacht nicht aufzufinden war.
"Ach du meine Güte, da habe ich sie also versteckt", kicherte Mama, öffnete das Corpus delicti und schnupperte am Inhalt.
"Also frisch sind die nicht mehr", gab ich zu bedenken, als mir der Duft von Anis in die Nase stieg. Ich hasse Anis und hatte diese Weihnachtsguetsli keinesfalls vermisst. Ganz im Gegensatz zu Papa. Chräbeli waren seine Favoriten, und weil er sie alle schon vor dem Fest schnabuliert hätte, wurde das Gebäck jeweils versteckt.

Dieser Fund löste augenblicklich eine gewisse vorweihnachtliche Hektik aus, denn es war höchste Zeit sich über die Geschenke für Onkel und Tanten Gedanken zu machen.
"Heute Abend besprechen wir, was ihr basteln könnt", bestimmte Mama.
Klein-Rosmarie jubelte, riss die Farbstifte aus der Schublade des Schreibtischs und begann zu zeichnen.
"Ich male ein Gemälde", verkündete sie wichtig. Das Wort Gemälde hatte sie kürzlich im Radio aufgeschnappt und seither fühlte sie sich zur Malerin berufen. Schwungvoll liess sie den Rotstift übers Papier laufen und bemalte auch die Pultunterlage hingebungsvoll und mir war klar, dass ich zum Schluss die Pultplatte zu reinigen hatte.
"Pass auf, du malst über den Rand" versuchte ich sie zu bremsen.
"Lass die Kleine, wenn sie so schön kreativ ist", korrigierte mich Mama, "das ist nicht so schlimm!"
"Noch nicht", dachte ich.
"Was habt ihr denn da?" Papa trat ins Kinderzimmer und staunte nicht schlecht:
"Mini Chräbeli, wo waren die denn?"
"Bei den Winterpullis", gab ich zur Antwort.
Er schnappte sich eines und biss hinein, .....also er versuchte es, aber die Dinger waren steinhart und ungeniessbar. Coco, unser Pudel, stand daneben und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Vielleicht fiel für ihn etwas ab. Er hatte Glück! Doch auch er drehte das harte Stück einige Male im Maul und liess es zu Boden fallen. Klein-Rosmarie kam angerannt mit ihrem Meisterwerk und zertrampelte das Chräbeli, welches knisternd zu Staub zerfiel. Für mich war klar, jetzt kam noch die Bodenreinigung hinzu.
"In acht Wochen ist Heiligabend, da müssen wir uns sofort über das Weihnachtsmenü und den Wein unterhalten. Hermine, was hältst du von einer Weihnachtsgans?"  
Vaters Augen glänzten bei der Vorstellung des Weihnachtsbratens und des Rotweins.
"Oder einen schönen Osso buco mit Safran Risotto", fuhr er fort.
"Und Erbsli mit Rüebli", ergänzte Klein-Rosmarie.
"Wir müssen in erster Linie mit den Bastelarbeiten beginnen. Die Kocherei hat Zeit", gab Mama zu bedenken.
"Ich hab doch schon ein Gemälde fertig." Roslä eilte zum Schreibtisch zurück und verteilte die Chräbelireste im ganzen Zimmer.
"Oder wie wäre es mit schönen Kottelets, dazu Pommes frites?"
"Oh ja und Schokoladencrème zum Dessert ", jubilierte das Schwesterherz.
"Ihr könntet Briefpapier bedrucken mit einem Kartoffelstempel", unterbrach Mama das Gerede um die Menüpläne.
Ich holte derweil den Staubsauger aus dem Putzschrank und begann zu saugen. Wir fanden zurück zur Realität.

Doch die Zeit raste und das Fest nahte. Die Plätzchen waren gebacken, die Geschenke gebastelt und hübsch verpackt. Sie warteten darauf, ihren Platz unter dem Baum einzunehmen. Jetzt packte der Weihnachtszauber auch mich, denn der Salon - das Zimmer welches nur Sonn- oder Feiertags zum Einsatz kam - war seit einer Woche verriegelt.
"Das Christkind bereitet das Fest vor", antwortete Mama auf Rosmaries Fragen, die nicht begreifen konnte, wieso das Zimmer verschlossen war.
Im Gegensatz zu mir glaubte sie noch ans Christkind. Jeden Abend legte sie eine neue Wunschliste aufs Fenstersims und beschwerte den Zettel mit einem Stein. Sie, die morgens kaum aus dem Bett zu kriegen war, sprang seit bald vier Wochen beim ersten Hahnenschrei aus den Federn, rannte ans Fenster, um festzustellen, dass die Wunschliste tatsächlich abgeholt worden war von den fleissigen Helfern des Christkindes.
Ich hingegen fahndete nach dem Schlüssel für den Salon, denn es nahm mich zum Kuckuck wunder was sich hinter der verschlossenen Türe verbarg. Doch wo immer ich suchte, der Schlüssel blieb verborgen.

Im Salon gab es ein wirkliches Weihnachtsgeheimnis.

Und dann war er da – der Heilige Abend! Aus der Küche duftete es nach Weihnachtsgans, das Radio spielte: "Leise rieselt der Schnee...", draussen regnete es in Strömen, die weisse Weihnacht wurde gerade weggespült!
"Können wir jetzt endlich die Geschenke auspacken?" Klein-Rosmarie stürmte ohne Unterlass.
"Wo denkst du hin? Zuerst wird gegessen!" Bei diesen Worten zupfte Papa seine Krawatte zurecht und Mama erschien im kleinen Schwarzen aus Samt und sah wie immer hinreissend aus. Wir Mädchen, trugen Engelskleidchen in Weiss mit goldener Bordüre. Die Haare - frisch gebürstet - hingen bei Anna kerzengerade vom Kopf während meine in Locken auf die Schultern fielen.

Familie H war gerüstet fürs Fest.
Lustlos marschierten wir Kinder hinter Papa ins Esszimmer und Mama verschwand in der Küche. Doch dann, kaum hörbar, klingelte es. Das Weihnachtsglöckchen.... Mama kam zurück und fragte:
"Habt ihr es auch gehört, das Glöckchen?" Nun gab es kein Halten mehr, Roslä und ich stürmten ans andere Ende des Korridors und siehe da, die Salontüre stand weit offen. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten, die Kugeln widerspiegelten ihr Licht, die Geschenke lagen unter dem Baum. Mein Herz machte einen Freudensprung, ich konnte mich am Christbaum nicht sattsehen.

"Uiiii, äs Klavier!"
Klein-Rosmarie riss mich aus meiner Betrachtung und nun sah ich es auch. Links vom Baum an der langen Wand stand ein Klavier. Ein echtes, grosses Piano.
Sofort öffnete Rosmarie den Deckel und drückte wie wild auf die Tasten.
"Nicht so laut Kinder", mahnte Mama.
Ich war ja ganz ruhig, ausser meinem Herzen, das pochte vor Freude.
Papa fuhr ehrfürchtig über die Tasten und jetzt..... setzte sich Mama ans Instrument.
Aber sie kann gar nicht spielen, schoss es mir durch den Kopf, doch sie legte die Hände auf die Tasten, ..... wobei sie diese genau am Schlüsselloch in der Mitte ausrichtete. Die Linke unterhalb, die Rechte oberhalb, ..... dann drückte sie die Tasten und es klang himmlisch.

"Oh Tannenbaum", stotterten ihre Finger zusammen. Papa stimmte mit seinem Bass mit ein. Wir sangen inbrünstig und von Mama - nach den Anfangsakkorden nur noch einhändig - aber immerhin auf dem Klavier begleitet:
"Oh Tannenbaum".
"Lasst uns Stille Nacht auch noch singen", schlug ich vor.  
Leider hörten Mamas neue Klavierkünste hier auf und so sangen wir im Familienchor weiter. Meine Schwester eilte im Takt voraus. Sie visierte bereits die Geschenke an und war schon bei der "himmlischen Ruhe" angelangt, während wir noch "den Knaben im lockigen Haar" stimmlich ehrten.
"Kann ich jetzt das Päckli uufmache?"
Sie stürzte sich auf das grösste Geschenk, doch das war für Papa. Er reichte Mama feierlich das Kleinste und mir war sofort klar, dass es das Wertvollste sein musste. Soviel hatte ich gelernt. In kleinen Paketen verbarg sich meist etwas Edles und in grossen etwas Flüssiges. Die längliche Schachtel war für Rosmarie und blieb nicht lange ein Geschenk, denn sie zog zügig das Weihnachtspapier ab und jubelte: "Mis Bäbi!"
Sie riss die Puppe mit den langen Zöpfen aus dem Karton und öffnete ihr gleich die Haare.  "Diä muäs mä strähle", entschied sie und griff nach dem Kamm.
Ich streichelte stumm die Klaviertasten.
Papa studierte die Etikette der Weinflasche. "Ein sehr edler Tropfen! Den gönnen wir uns heute Abend."
Und Mama liess den Goldreif über ihr Handgelenk gleiten und bestaunte ihren Arm.
"Jetzt küssen sie sich gleich", kicherte meine Schwester.
Und so war es. Meine Eltern küssten sich nur an Geburtstagen, Weihnachten und zum Neujahr! Heute war Weihnachten und es duftete.....

.... Es duftete nicht nach Weihnachten, nein, ... es roch beissend und eine graue Rauchschwade schlängelte sich in den Salon.
"Mama, was ist mit der Weihnachtsgans? ", warf ich ein.
"Um Gottes Willen, die ist noch im Ofen."
Sie eilte in die Küche.
Dort war alles  schwarz, so schwarz wie ihr kleines Schwarzes und roch arg verbrannt. Die Fenster wurden aufgerissen, die Kerzen am Baum ausgeblasen.
Die Weihnachtsgans verpuffte ihre letzten Gase auf dem Küchenbalkon.
Papa und Roslä sassen bekümmert im Salon. Dort stank es am wenigsten nach verbranntem Geflügel. Papa trauerte der Weihnachtsgans nach und das Schwesterherz meldete:
"Ich habe Hunger."

Die Beiden staunten nicht schlecht, als Mama kurz darauf, die Küchenschürze über das kleine Schwarze gebunden, wieder erschien.  Triumphierend stellte sie den Suppentopf  auf den Salontisch. Darin schwammen heisse Wienerwürstchen und ich folgte mit Brot, Senf und einem Humpen Bier für Papa. Das Weihnachtsmenü schmeckte uns vorzüglich und Coco freute sich ebenfalls über seine Extraration.

Dieses Fest ging in die Geschichte der Familie H ein, denn seither musste nie wieder eine Weihnachtsgans für unsere Feier ihr Leben lassen.

Zurück zum Seiteninhalt