Grammatik war noch nie mein Ding - Bestbook Verlag

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Grammatik war noch nie mein Ding !
Ich hasse die Grammatik. Sie ist für mich eine furztrockene Materie und grenzt in meinen Augen an literarischen Kannibalismus, wenn ich einen Satz in seine Einzelteile zerlegen soll. Eine Sprache ist Gefühlssache. Die saugt man mit der Muttermilch ein. Wozu habe ich Ohren? Um zu hören und dem Klang der Worte zu lauschen.
Die drei schönsten Worte der Welt - Ich liebe Dich – sollen nicht den Zeitformen zum Opfer fallen. Schlimm genug, wenn man sich eines Tages eingestehen muss: Ich hatte ihn geliebt, weil der Herzensbrecher mich verliess, wegen einer anderen. Und dieser todtraurige Anlass soll analysiert werden?
Ich habe geliebt – Punkt. Das reicht vollauf. So sagt sich das in unserem Dialekt und jede Frau weiss, wie traurig sich das anfühlt, Männer sicher auch, ich will mal nicht so sein. Doch die Grammatik verlangt von mir zu differenzieren. Vergangenheit ist nicht gleich Vergangenheit, die Palette reicht von:
-
-
-
ich liebte
ich habe geliebt
ich hatte geliebt - das ist Plusquamperfekt!
Allein schon dieses Wort: Plus-quam-per-fekt !
Da rutscht meine Füllfeder vor Schreck auf dem Papier aus, bevor das Wort zu Ende geschrieben ist.
Wenn es aus ist mit der Liebe, dann ist es eben so. Es werden Tränen vergossen oder Verwünschungen ausgesprochen. Man versinkt in Selbstmitleid oder rüstet zum Kampf!

Haben sie schon mal überlegt, welche grammatikalischen Bocksprünge die magischen drei Worte: Ich liebe dich – in der Zukunftsform machen? Nein? Ich erkläre es ihnen:
-
ich werde lieben
Das ist hoffnungsvoll. Wenn man gerade an gebrochenem Herzen leidet ist es sehr tröstlich zu spüren, dass die Liebe wiederkehren wird, sobald der grösste Schmerz überwunden ist und die Verlassenheitsgefühle von einem abfallen wie Blätter im Herbstwind.

Aber in meinen Augen ist der Gipfel in Sachen Grammatik:
Die vollendete Zukunft - Futurum II genannt:

-
Ich werde geliebt haben! Nochmals: Ich – werde -  geliebt - haben
Doch: wie soll das in der Praxis funktionieren?
Das heisst analytisch gesehen:

Erstens:Es ist noch weit und breit kein Liebhaber in Sicht
Zweitens:Den könnte ich jedoch schon lieben, so er in dieser vollendeten Zukunft auch tatsächlich erscheint
Drittens:Nur, der ist inzwischen längst abgehauen – es heisst ja "geliebt HABEN" und dieses Verb haben, erklärt meiner Meinung nach das Verschwinden des vermeintlichen Herzkönigs.
Doch nun holt mich die Wirklichkeit ein. Und dies einzig und allein, weil ich die Hausaufgaben meines Enkels überwache. Er lernt - farbig untermalt - die Substantive von den Verben, die Adjektive von den Pronomen zu unterscheiden. Lernt die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen und übt die Zukunftsformen. Heldenhaft sitze ich daneben und lerne mit. Und ob ich will oder nicht, die Grammatik fordert mich zum Kampf. Das soll sie nur, ich bin bereit. Und wie es aussieht, gehe sie als Siegerin hervor.
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