Familie H fährt ans Meer - Bestbook Verlag

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Familie H. reist ans Meer / Eine Sommergeschichte aus den 50-er Jahren


Eines Sonntags überraschten uns meine Eltern mit der Idee, in diesem Sommer ans Meer zu fahren. Die Adria sollte es sein. Mein Vater schwärmte von der Aaaaadrrrria, und dehnte dabei das Aaaa so lange, dass ich schon befürchtete, dass ihm die Luft ausgehen würde. Doch weit gefehlt, er hatte offenbar genügend Sauerstoff in den Lungen und liess dem langgezogenen Aaaaaa ein Rrrrrrrrr folgen, das wie Donnerrollen klang. Offenbar gab es an dieser Aaaaadrrrrria einen neuen Badeort, der Rimini hiess und wer etwas auf sich hielt, reiste in den fünfziger Jahren dorthin oder noch besser nach Milano Marittima, dort sei der Strand noch schöner. Mein Papa beschrieb das blaue Meer und die Sonnenuntergänge mit ausladenden Handbewegungen, ....

...... während Mama sich über die Garderobe Gedanken machte.
Gut gelaunt stiess er mit ihr an:
„Auf unsere Ferien in Italia, belle donne, buon vino, et pasta“, sang er und parlierte den ganzen Abend italienisches Kauderwelsch. Es klang einfach herrlich und schmeichelte meinen Ohren. Er beherrschte offenbar dieses Sing-Sang von Sprache, klar, es war ja mein Papa!

Der Vorabend der Abreise war da, verbunden mit lautstarken Disputen, wer was mitnehmen durfte. Das Packen der Koffer, wie immer ein Kleinkrieg, und dann war es soweit, wir fuhren in unserem Amischlitten los, der Adria entgegen.

Die Fahrt verlief wie immer. Papa hatte nur eines im Kopf - in Rekordzeit das Ziel zu erreichen und Mama stemmte sich gegen die Fliehkraft in den Kurven. Je länger die Fahrt dauerte, desto bleicher wurde sie. Unweigerlich kam ihre Ansage: „Halt an, mir ist schlecht.“ Das ging in dem Augenblick überhaupt nicht, denn wir standen inzwischen am Fuss des Gotthardpasses. Und dieser musste vom Vater im Sturm und in alter Rennfahrertechnik bezwungen werden. Die Taktik lautete: Abbremsen - Korrektes ausholen vor der Kurve, den Wagen schön durchziehen und wieder beschleunigen. Diese Kurventechnik zog sich die ganze Tremola rauf und runter ....
und hatte für ihn besonderen Reiz, wenn er in der Kurve auf ein Postauto traf, dem er mit Geschick und haargenauem Distanzgefühl auswich.
Mutter wurde immer blasser und meine Schwester quengelte: „Ich habe Durst und muss auf’s Klo“. „Es dauert nicht mehr lange Schätzchen“, erklärte Papa gut gelaunt, „wir sind bald am Meer!“
„Du willst doch nicht etwa bis Milano Marittima durchfahren“, stöhnte Mutter. „Wir sind noch nicht mal in Mailand. Milano wir kommen“, trällerte Papa gut gelaunt und Mutter stöhnte mit letzter Kraft: „Halt an. Ich muss einen Moment aussteigen.“
Ich hingegen fand es toll und hoffte, dass die Fahrt  noch sehr lange dauern würde, denn ich genoss dieses auf und ab der Geschwindigkeit und den Fahrtwind, der durchs offene Fenster ins heisse Wageninnere drang und mit meinem Pferdeschwanz spielte.
Die Kurven wurden weniger und Mutters Wangen wieder röter. Einzig Roslä, wie wir meine Schwester nannten, die eigentlich Rosmarie hiess, meldete ihr drittes Bedürfnis: „Ich habe Hunger.“ Wir rollten auf Lugano zu, da erklärte Mutter energisch: „Also hier wird angehalten oder ich springe aus dem fahrenden Wagen.“ Vater tat so, als höre er nichts, denn er war gerade dabei einen Mercedes zu schnappen, wie er sich ausdrückte, wenn er wieder ein vor ihm fahrendes Auto überholen konnte.
„Papa, ich glaube Coco muss mal“ sagte ich sanft. Und trotz meiner leisen Stimme war er plötzlich ganz Ohr. Coco, unser schwarzer Pudel, war Papas Liebling und wenn etwas unseren Vater dazu bringen konnte anzuhalten, dann die Tatsache, dass Coco mal musste. Und kurze Zeit später fuhr er in Lugano in eine Parklücke.

Endlich durften wir alle aussteigen und Mama zog zielstrebig in Richtung eines Ristorantes. „Dort wird aber nichts gegessen“, kam es streng von Seiten des Familienoberhauptes.
„Die Kinder müssen aber etwas essen“, entgegnete Mutter. „Bea, gehe in die Metzgerei dort drüben, kaufe Salami und Panini und die könnt ihr im Wagen auf der Weiterfahrt essen“, bestimmte er. So bekam ich ein Portemonnaie in die Hand gedrückt und wurde in Richtung Metzgerei geschubst.
„Che cosa desidera la signorina“, fragte der rundliche Metzger.  Ich drehte mich um, denn er sprach sicherlich nicht mit mir, ..... dachte ich. „Eh, signorina“, lachte er und meinte unmissverständlich doch mich. Ticino, schoss es mir durch den Kopf. Natürlich hier wird ja bereits Italienisch gesprochen. „Sa..Sa...Salami“ stotterte ich und „Pa….,“ was hatte Papa noch gesagt? Mir fiel das Wort nicht ein, doch ich entdeckte im selben Moment sternförmige Semmel in einem grossen Korb und deutete erleichtert auf die Brötchen.
„Uno, due, o di più“ fragte der Metzger und rollte seine grossen, dunklen Augen. Wieder verstand ich nichts und guckte hilflos nach draussen, wo die Familie stand. „Ahhhh, per papa, la bella mamma, la piccolina et per te“, zählte er und streckte gleichzeitig seine rosigen fetten Finger im Takt dazu auf. „Quattro pannini con salami, bene!“ Ich nickte erleichtert. Mit Elan fasste er nach der riesigen Wurst und begann reichlich und flink die Tranchen zu schneiden. Mit einem Messer, welches länger war als sein Unterarm, zerschnitt er die Brötchen und legte mit Schwung die Salami dazwischen.

Ich bezahlte und verliess unter einem Wortschwall des Metzgers den Laden Meine Schwester und Mama waren im Ristorante verschwunden um das stille Örtchen aufzusuchen und Mineralwasser zu kaufen. „Gib mal ein Sandwich raus.“ Gehorsam reichte ich Papa die Tüte und seinen Geldbeutel. Genüsslich biss er in den Brotstern aus dem die grossen, fetten Salamischeiben hingen.

„Du willst doch nicht etwa die Brötchen stehend auf der Strasse verschlingen?“ Mama und Roslä waren wieder da und ihr Tonfall liess mich aufhorchen. Da war ein Gewitter im Anzug. „Wir müssen weiterfahren, so schnell wie möglich, bedenke wir kommen in Milano genau in den Mittagsverkehr. Und von dort die Autostrada del Sole runter bis Rimini und noch weiter bis Milano Marittima, das dauert“, erklärte er souverän.

„Aber du hast gesagt es sei nicht mehr weit“, piepste meine Schwester. „Los einsteigen, ihr könnt die Brötchen auch im Wagen essen und zu trinken haben wir jetzt auch. Aber ja keine Brosamen auf die Polster oder gar die Finger darauf abwischen“, mahnte er uns Kinder.

„Und den Hund hast du wohl ganz vergessen“, meinte Mutter spitz, packte den Sack mit den Brötchen und setzte sich demonstrativ auf die nahe gelegene Bank im angrenzenden Park. Roslä rannte ihr schreiend nach: „Ich will auch ein Salamibrot“.

„Geh du mal mit Coco zum nächsten Baum und lass ihn dort beim Brunnen Wasser trinken. „Immer ich“, murrte ich. Mutter und Rosmarie sassen gemütlich auf der Bank, Papa trommelte mit seinen langen Fingern ungeduldig aufs heisse Autodach und zog den Rauch seiner Zigarette in die Lungen, und ich musste mit Coco Gassi gehen.
Als ich zum Wagen zurück kam hatten alle ihr Salamibrot verspiesen und Wasser getrunken, einzig ich nicht. „Darf ich endlich auch etwas essen oder geht es schon wieder los“? „Ach sei ein braves Mädchen“, schmeichelte Mama, „und iss dein Brot während der Fahrt. „Ja, du bist doch die Einzige die essen und fahren kann, du bist doch meine Rennfahrertochter“, lobte mich Vater. So quetschte ich mich zähneknirschend auf den Rücksitz.
Elegant fädelte Papa wieder in den Verkehr ein und wir waren gerade im Begriff Lugano zu verlassen als er fragte: „Wo ist Coco?“ Nun suchten wir Coco, doch der war nicht im Auto. „Gopfried Schtutz, wo händ er de Hund gla“, brüllte er und die Flüche, welche über Vaters Lippen kamen waren nicht zu überhören und keinesfalls salonfähig. Er drehte mitten auf der Strasse um, was ein Hupkonzert und quietschende Bremsen zur Folge hatte. „Dort ist er“, rief ich und zeigte auf die Bank, wo kurz zuvor Schwester und Mutter ihr Zwischenhaltbrötchen verspeist hatten. Mama hatte ihn an der Bank festgemacht.„Bea, du holst den Hund“, befahl Vater. „Klar, wer denn sonst“, klagte ich.

Ccco wedelte mit dem Stummelschwanz und begrüsste mich freudig, als ich auf ihn zukam. „Ja, ja, ist ja gut mein Lieber, ich mach dich gleich los“, beruhigte ich das Tier,

..... als mein Blick unter die Bank fiel.
...... Das war doch Mamas Handtasche!
Darin waren nicht nur alle Utensilien einer gepflegten Frau verstaut, sondern unsere Reisepässe und das gesamte Feriengeld für zwei Wochen!
Ich nahm Hund und Tasche, letztere versteckte ich hinter meinem Rücken, und stieg wieder ins Auto. „Gut gemacht Bea“, lobte Vater und brauste los.
„Das will ich meinen“, gab ich zurück. „Du tuäsch immer so wichtig“, motzte das Schwesterchen. „Ich habe allen Grund dazu“, konterte ich. „Mami wo ist deine Tasche?“

Jetzt wurde Mama noch blasser als auf der Fahrt über den Pass und schrie: „Meine Handtasche ist weg!“ Vater trat so abrupt auf die Bremse, dass wir allesamt nach vorn flogen. „Was heisst das, die Tasche ist weg? Tasche, Pässe und das ganze Geld“, brüllte er. „Jesus, Maria, um Himmelswillen“, jammerte die Mutter, „heiliger Antonius von Padua hilf uns“, flehte sie  weiter. Sie hatte ein besonderes Verhältnis zu Antonius, den sie immer dann bemühte, wenn etwas fehlte. Hinter uns ein Hupkonzert. Jetzt kramte ich die Tasche hinter meinem Rücken hervor und reichte sie nach vorne: „Coco, hat sie gut bewacht!“ Alle atmeten hörbar auf.
Die Fahrt ging weiter. Aber bis zur Adria würde es noch dauern. Das hatte ich inzwischen begriffen.

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